gendern

“Anna ist ein kompetenter Erzieher”

Argumente und Studien für geschlechtergerechtes Formulieren:

  • #vonwegenmitgemeint (1)
  • Der Lesefluss wird nicht beeinträchtigt, wenn inkludierende Begriffe und alternative Schreibweisen (s.u.) miteinander kombiniert werden. (2)
  • Methoden wie das Verfolgen der Augenbewegungen beim Lesen (Eyetracking) oder die Messung von Hirnaktivitäten  bestätigen die These, dass Frauen bei der männlichen Form nicht mitgemeint sind. (3)
  • Stellenausschreibungen im generischen Maskulinum halten mehr Frauen von Bewerbungen ab. (4)
  • Im Vorschulalter entwickeln Mädchen und Jungen ein sehr viel breiteres, geschlechtsunabhängigeres Interesse an verschiedenen Berufen, wenn Erwachsene nicht immer nur vom Arzt, Ingenieur oder Automechaniker sprechen. (5)
  • Bittet man Proband*innen, die Namen von Sportlern und Musikern aufzulisten fallen ihnen viel weniger Frauen ein, als wenn auch nach Sportlerinnen und Musikerinnen gefragt wird. (6)
  • “Es ist auch umständlich und überflüssig, die Flagge eines Staatsgastes vor dem Reichstagsgebäude zu hissen, Menschen nett zu begrüßen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen oder mit Messer und Gabel zu essen. Trotzdem gelten diese Gesten als Zeichen von Respekt, Interesse und gutem Benehmen.” (7)
  • „Geht man davon aus, dass die Gleichberechtigung der verschiedenen Geschlechtsidentitäten ein hohes demokratisches Anliegen und Gut ist, dann liegt es auf der Hand, geschlechtergerechten Sprachgebrauch für sinnvoll zu halten und diesen zu favorisieren, ja zu fördern und dies politisch umzusetzen. Aber wenn man eine andere Perspektive vertritt und weltanschaulich anders verortet ist, wird man das nicht als sinnvoll erachten.“ (8)

Die Studien und Belege dazu

  1. #vonwegenmitgemeint ist ein Hashtag auf Twitter, unter dem ich, und zunehmend mehr Menschen, Beispiele sammeln, die zeigen, dass das Generische Maskulinum in seinen Personenbezeichnungen unpräzise und keinesfalls neutral ist.
  2. Blake und Klimmt 2010. Geschlechtergerechte Formulierungen in Nachrichtentexten, inPublizistik 55(3):289-304 · September 2010. https://www.researchgate.net/publication/225958791_Geschlechtergerechte_Formulierungen_in_Nachrichtentexten
  3. „Eine Verletzung der stereotypen Geschlechtszuordnung löst ähnliche Aktivierungen aus wie Sätze mit Pronomenfehler.“ Prof. Dr. Evelyn Ferstl, Kognitionswissenschaften an der Universität Tübingen in der Stgt Ztg: ‚Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch
  4. Domsch, Michel E./Uta B. Lieberum/Roland Hünke: Chancen von Frauen im Bewerbungsprozess. Eine Analyse von 3.400 Stellenanzeigen und eine Telefonbefragung von 140 Unternehmen. I.A.P. Institut für Personalwesen und Arbeitswissenschaft, Universität der Bundeswehr Hamburg 1997.
  5. Dries Vervecken, Bettina Hannover: Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. In: Social Psychology Nr. 46 (2015), S. 76–92.
  6. Stahlberg, D., Sczesny, S., & Braun, F.: Name Your Favorite Musician. Effects of Masculine Generics and of their Alternatives in German. In: Journal of Language and Social Psychology, 20(4), (2001), S. 464-469.
  7. Anatol Stefanowitch, Linguist und Professor an der Freien Universität Berlin auf Sprachlog: Frauen natürlich ausgenommen
  8. Constanze Spieß, Germanistin an der Universität Graz in Gendern und die Gegenargumente. orf.at

Alternative Schreib- und Sprechweisen:

a) Leserinnen (generisches Femininum)
b) Leserinnen und Leser (Beidnennung, binär)
c) Lesende (zeitlich teilweise nicht korrekt)
d) LeserInnen (Binnen-i, binär)
e) Leser_innen
f) Leser·innen / Leser•innen (Mittepunkt)
g) Leser*innen
h) Leser:innen
ï) Leserïnnen… Sehr hübsche Lösung, aber sorry, wie krieg ich nochmal den Stern auf das i? Außerdem ist das Symbol schon anders besetzt, s.u.)
j) Leserinnen (- bitte hier einen Stern auf dem i vorstellen, schön aber siehe i))
k) Lesx / Lesxs (Ergänzende Erklärungen dazu von Lann Hornscheidt in einem Interview oder auf ihren eigenen Seiten bzw. von Anna Heger)

l) Lesys (Entgendern nach Phettberg: Pluralbildung = Stamm + ys. mehr…)


… gibt’s noch eine Schreibweise, ein Symbol, das ich nicht kenne? Bitte gern in die Kommentare schreiben.

Bei Interesse kann der Satz aus dem Beitragsbild als Postkarte bei mir bestellt werden. Mehr dazu hier: “Dsa heir knasnt du lseen – Postkarte zu verschenken

Aussprache

GenderStern (g), Doppelpunkt (h), Mittepunkt (f), Trema (i) und Unterstrich werden mit einem Glottisverschluss gesprochen. Den sprechen übrigens auch Menschen, die am Generischen Maskulinum festhalten und den ganzen Artikel hier für überflüssigen Quatsch halten. Nämlich zum Beispiel in Spiegelei, kreieren, beantworten… und Leser*innen ist somit genauso unkompliziert zu sprechen🤷.

Weiterführendes zu den Varianten:

Die drei Varianten in Fett sind die von mir bevorzugten, weil nicht binär, mit Gap zu lesen, das Symbol in der Phonetik nicht schon anders belegt.

f) Den ‘point median‘ habe ich in Frankreich kennengelernt als Lösungsvorschlag, den die Académie française heftigst bekämpft. 2018 habe ich in Toulouse eine Podiukmsdiskussion besucht, auf der die Linguistin Eliane Viennot sagte, die Académie française sei ein traditioneller, misogyner Männerverein, bei dem sie “mort cérébral” (Hirntod) vermutet. Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis sich der Punkt dort als akzeptierte, alternative Schreibweise durchsetzt. Aber ich wundere mich, warum er in Deutschland kaum bekannt ist.
In französischen Schulen müssen Schüler•innen übrigens den grammatikalischen Merksatz verinnerlichen “Le masculin l’emporte sur le féminin” = Das Männliche siegt über das Weibliche (setzt außer Kraft/hat Vorrang). Das ist die Regel, die auch im Deutschen dazu führt, dass ein einziger Sänger dafür sorgt, dass plötzlich von “100 Sängern” die Rede ist, selbst wenn in einem Chor 99 Frauen singen. (Vgl. Luise Pusch, 1999). Auch Eliane Viennot fordert ein grundsätzliches Umdenken, ein geschlechtergerechte Sprache und anderen Unterricht. Eins ihrer Bücher heißt: “Non, le masculin ne l’emporte pas sur le féminin!”

Ich finde den Mittel(l)·punkt eine prima Lösung, und noch eins besser den fetten Mitte•punkt (Auf dem Mac: [alt+ü]).
Die text-to-speech-Programme, in die ich ihn eingegeben habe, haben ihn als Gap, als kleine Lücke gelesen. Anders ist das nämlich beim Gender*stern:

g) Der Gender*stern, das Sternchen, der Askerisk ist ein Platzhalter für unbekannte Zeichen(ketten) und wohl vor allem deshalb sehr beliebt unter Menschen, die sich nicht binär einem Geschlecht zuordnen. Ich verstehe ihn so: “Hier ist Platz wofür Du möchtest, alles passt, alles ist erlaubt”, ein einladendes, sympatisches, inkludierendes Symbol und für mich inzwischen sehr geläufig, ich nutze ihn auch in privaten Emails und Notizen an mich selbst.
Einziger Haken, der sich aber langfristig sicher lösen ließe: Leser*innen wird von manchem tt-speech-Programm als “Lesersterninnen” gelesen. Anstrengend und wenig sinnvoll, wenn man sich Texte vorlesen lassen muss oder möchte. Trotzdem ist es zur Zeit das Symbol, das im deutschen Sprachraum am meisten Anerkennung findet für inkludierende Schreibweisen. Er wird wohl am ehesten die Chance haben, sich auch international durchzusetzen. Der Deutsche Rechtschreibrat hat ja bereits über eine Aufnahme in den Duden diskutiert, was zwar 2019 noch abgelehnt wurde, aber ich bin optimistisch, dass das nicht mehr lange dauern wird.

h) sieht gut aus, wird als Gap gelesen von ttSpeech-Programmen, ist aber für manche inakzeptabel, weil es eine Doppelbelegung sei, das Zeichen für den grammatikalischen Doppelpunkt schon besetzt. So weit mein aktueller Wissensstand. Reicht noch nicht, um ein Urteil fällen zu können. Wird deshalb bei Gelegeneheit fortgesetzt…

i) zwei Punkte auf dem i: Das i mit Trema, also mit Umlaut: Ï / ï .
In der Phonetik bedeutet das Symbol, dass der Vokal nicht mit dem vorhergehenden verbunden, sondern einzeln gesprochen wird. Wie zum Beispiel in Citroën. Er gibt jedoch nicht vor, dass ein Gap gesprochen wird, das könnte zu Missverständnissen führen und ist eine Art Doppelbelegung des Zeichens. Weiterer Nachteil: Auf dem Mac mit drei Tasten zu erreichen: alt+u und i – Damit fällt es für mich erstmal raus, bis es schnellere Wege gibt auf deutschen Tastaturen.

So viel fürs Erste. Mit Grüßen von Almut Schnerring.


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Almut Schnerring: Überzeugend und sicher präsentieren. Erschienen 2020 im Reclam Verlag

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