gendern

"Anna ist ein kompetenter Erzieher"

Alternative Schreib- und Sprechweisen zum Generischen Maskulinum

Typische Pseudo-Argumente und Studien, die sie widerlegen:

#vonwegenmitgemeint ist ein Hashtag auf Twitter, unter dem ich, und zunehmend mehr Menschen, Beispiele sammeln, die zeigen, dass das Generische Maskulinum in seinen Personenbezeichnungen unpräzise und keinesfalls neutral ist, und deshalb viele Menschen in zu vielen Fällen weder mitgemeint noch mitgedacht werden.

Immer noch nicht. Denn auch Methoden wie das Verfolgen der Augenbewegungen beim Lesen (Eyetracking) oder die Messung von Hirnaktivitäten bestätigen die These, dass Frauen bei der männlichen Form nicht mitgemeint sind.

„Eine Verletzung der stereotypen Geschlechtszuordnung löst ähnliche Aktivierungen aus wie Sätze mit Pronomenfehler.“ Prof. Dr. Evelyn Ferstl, Kognitionswissenschaften an der Universität Tübingen in der Stgt Ztg: ‚Nur wer von Frauen spricht, meint sie auch

Der Lesefluss wird nicht beeinträchtigt, wenn inkludierende Begriffe und alternative Schreibweisen (s.u.) miteinander kombiniert werden.

Blake und Klimmt 2010. Geschlechtergerechte Formulierungen in Nachrichtentexten, in Publizistik 55(3):289-304 · September 2010.

Stellenausschreibungen im generischen Maskulinum halten mehr Frauen von Bewerbungen ab.
Studie von Domsch, Michel E./Uta B. Lieberum/Roland Hünke: Chancen von Frauen im Bewerbungsprozess. Eine Analyse von 3.400 Stellenanzeigen und eine Telefonbefragung von 140 Unternehmen. I.A.P. Institut für Personalwesen und Arbeitswissenschaft, Universität der Bundeswehr Hamburg 1997.

Im Vorschulalter entwickeln Mädchen und Jungen ein sehr viel breiteres, geschlechtsunabhängigeres Interesse an verschiedenen Berufen, wenn Erwachsene nicht immer nur vom Arzt, Ingenieur oder Automechaniker sprechen.

Studie von Dries Vervecken, Bettina Hannover: Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. In: Social Psychology Nr. 46 (2015), S. 76–92.

Bittet man Proband*innen, die Namen von Sportlern und Musikern aufzulisten fallen ihnen viel weniger Frauen ein, als wenn zusätzlich auch nach Sportlerinnen und Musikerinnen gefragt wird.

Studie von Stahlberg, D., Sczesny, S., & Braun, F.: Name Your Favorite Musician. Effects of Masculine Generics and of their Alternatives in German. In: Journal of Language and Social Psychology, 20(4), (2001), S. 464-469.

“Es ist auch umständlich und überflüssig, die Flagge eines Staatsgastes vor dem Reichstagsgebäude zu hissen, Menschen nett zu begrüßen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen oder mit Messer und Gabel zu essen. Trotzdem gelten diese Gesten als Zeichen von Respekt, Interesse und gutem Benehmen.”  Anatol Stefanowitch, Linguist und Professor an der Freien Universität Berlin auf Sprachlog: Frauen natürlich ausgenommen

Nichts, aber auch gar nichts in der deutschen Sprache, wie wir sie heute benutzen, war “schon immer” so. Beispiel gefällig?

>Gästin<
Das Wort gehört zu den weiblichen Formen, die – wie auch die Engelin oder die Geistin – bereits im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm aufgeführt und mit zahlreichen Belegstellen unterfüttert wurden. Auf dem Weg vom späten 19. ins 21. Jahrhundert war sie aus der Alltagssprache verschwunden. (Quelle: Duden)

„Geht man davon aus, dass die Gleichberechtigung der verschiedenen Geschlechtsidentitäten ein hohes demokratisches Anliegen und Gut ist, dann liegt es auf der Hand, geschlechtergerechten Sprachgebrauch für sinnvoll zu halten und diesen zu favorisieren, ja zu fördern und dies politisch umzusetzen. Aber wenn man eine andere Perspektive vertritt und weltanschaulich anders verortet ist, wird man das nicht als sinnvoll erachten.“
Constanze Spieß, Germanistin an der Universität Graz in Gendern und die Gegenargumente. orf.at

Die Alternativen:

a) Leserinnen (generisches Femininum)
b) Leserinnen und Leser (Beidnennung, binär)
c) Lesende (zeitlich teilweise nicht korrekt)
d) LeserInnen (Binnen-i, binär)
e) Leser_innen (Unterstrich)
f) Leser·innen / Leser•innen (Mittepunkt)
g) Leser*innen (Gender*stern)
h) Leser:innen (Doppelpunkt)
ï) Leserïnnen… (Trema), sehr hübsche Lösung, zwei Pünktchen auf dem i. Aber das Tastenkürzel dafür scheint mir (bisher) zu weit weg um alltagstauglich zu sein, außerdem ist das Symbol schon anders besetzt, s.u.)
j) Leserinnen (- bitte hier einen Stern auf dem i vorstellen. Schöne Idee, aber meines Wissens gibt es keinen Shortcode dafür und wenn, gilt dasselbe wie für Ï )
k) Lesx / Lesxs (Ergänzende Erklärungen dazu von Lann Hornscheidt in einem Interview oder auf ihren eigenen Seiten bzw. v)
l) Suffix -il, Plural -ille (Entgendern nach Luise Pusch: Das Lehreril unterrichtet die
Schülerille.)
m) Lesys (Entgendern nach Phettberg: Pluralbildung = Stamm + ys. mehr…)
n) -xier, -xiesen und andere Pronomen und Vorschläge auf den Seiten von Anna Heger
o) Sylvain / NoNa / -el / Vii / -ey / …  –  Vorstellung diverser neuer Endungen und Pronomen auf ‘Nichtbinär-Wiki’

Zu f), g), h) siehe meine Ergänzungen und zusätzlichen Informationen weiter unten.

… gibt es noch eine Schreibweise, ein Symbol, das ich nicht kenne? Bitte gern in die Kommentare schreiben.

Dsa-heir-knasnt-du-lseen-Postkarte

Postkarte zu verschenken

Bei Interesse kann der Satz aus dem Beitragsbild als Postkarte bei mir bestellt werden. Mehr dazu hier: "Dsa heir knasnt du lseen - Postkarte zu verschenken"

Aussprache:

GenderStern (g), Doppelpunkt (h), Mittepunkt (f), Trema (i) und Unterstrich werden mit einem Glottisverschluss, einer kleinen Lücke, gesprochen. Den sprechen übrigens auch Menschen, die am Generischen Maskulinum festhalten und den ganzen Artikel hier für überflüssigen Quatsch halten. Nämlich zum Beispiel in Spiegelei, kreieren, beantworten… und Leser*innen ist somit genauso unkompliziert zu sprechen🤷.

Weiterführendes zu den oben gelisteten Alternativen:

Die drei Varianten in Fett sind die von mir bevorzugten, weil nicht binär, mit Gap zu lesen, das Symbol in der Phonetik nicht schon anders belegt.

f) Mitte(l)punkt – Mediopunkt
Den ‘point median‘ habe ich in Frankreich kennengelernt als Lösungsvorschlag, den die Académie française heftigst bekämpft. 2018 habe ich in Toulouse eine Podiukmsdiskussion besucht, auf der die Linguistin Eliane Viennot sagte, die Académie française sei ein traditioneller, misogyner Männerverein, bei dem sie “mort cérébral” (Hirntod) vermutet. Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis sich der Punkt dort als akzeptierte, alternative Schreibweise durchsetzt. Aber ich wundere mich, warum er in Deutschland kaum bekannt ist.
In französischen Schulen müssen Schüler•innen übrigens den grammatikalischen Merksatz verinnerlichen “Le masculin l’emporte sur le féminin” = Das Männliche siegt über das Weibliche (setzt außer Kraft/hat Vorrang). Das ist die Regel, die auch im Deutschen dazu führt, dass ein einziger Sänger dafür sorgt, dass plötzlich von “100 Sängern” die Rede ist, selbst wenn in einem Chor 99 Frauen singen. (Vgl. Luise Pusch, 1999). Auch Eliane Viennot fordert ein grundsätzliches Umdenken, ein geschlechtergerechte Sprache und anderen Unterricht. Eins ihrer Bücher heißt: “Non, le masculin ne l’emporte pas sur le féminin!”

Ich finde den Mittel(l)·punkt eine prima Lösung.
Einschränkung: Doppelbelegung. In Leichter Sprache wird er zur Kennzeichnung von Wortteilgrenzen in langen Komposita genutzt (s.Duden).
Dafür haben ihn die text-to-speech-Programme, in die ich ihn eingegeben habe, als Gap, also als kleine Lücke gelesen, was beim Gender*Stern (s.u.) nicht bei allen klappt

Tastenkürzel:
Mediopunkt: Mac [alt + shift + 9], PC [alt + 0183]Fetter Mittepunkt: Mac [alt Ü], PC [Alt 0149]

g) Der Gender*stern, das Sternchen, der Askerisk ist ein Platzhalter für unbekannte Zeichen(ketten) und wohl vor allem deshalb sehr beliebt unter Menschen, die sich nicht binär einem Geschlecht zuordnen. Ich verstehe ihn so: “Hier ist Platz wofür Du möchtest, alles passt, alles ist erlaubt”, ein einladendes, sympatisches, inkludierendes Symbol und für mich inzwischen sehr geläufig, ich nutze ihn auch in privaten Emails und Notizen an mich selbst.
Es ist es zur Zeit das Symbol, das im deutschen Sprachraum am meisten Anerkennung findet für inkludierende Schreibweisen. Er wird wohl am ehesten die Chance haben, sich auch international durchzusetzen. Der Deutsche Rechtschreibrat hat ja bereits über eine Aufnahme in den Duden diskutiert, was zwar 2019 noch abgelehnt wurde, aber ich bin optimistisch, dass das nicht mehr lange dauern wird.

Einziger Haken, der sich aber langfristig sicher lösen ließe: Leser*innen wird von manchem tt-speech-Programm als “Lesersterninnen” gelesen. Anstrengend und wenig sinnvoll, wenn man sich Texte vorlesen lassen muss oder möchte. Manche gehen deshalb so weit zu behaupten, der Gender*stern diskriminiere blinde Menschen.
Heiko Kunert antwortet dazu Lesenswertes auf seinem Blog:

“Wäre es nicht besser, den Druck auf Screenreader- und Sprachausgaben-Entwickler*innen zu erhöhen, damit in der Zukunft ein korrektes Vorlesen gegenderter Begriffe erfolgt? Schließlich haben Sprachausgaben in der Vergangenheit auch gelernt, statt „Semikolon Bindestrich Klammer Zu“ „Zwinkersmiley“ zu sagen.”

h) Doppelpunkt
sieht gut aus, wird als Gap gelesen von ttSpeech-Programmen, aber auch hier wieder das Problem der Doppelbelegung: das Zeichen ist für den grammatikalischen Doppelpunkt schon besetzt. So weit mein aktueller Wissensstand. Reicht noch nicht, um ein Urteil fällen zu können. Wird deshalb bei Gelegeneheit fortgesetzt…

i) zwei Punkte auf dem i: Das i mit Trema, also mit Umlaut: Ï / ï .
In der Phonetik bedeutet das Symbol, dass der Vokal nicht mit dem vorhergehenden verbunden, sondern einzeln gesprochen wird. Wie zum Beispiel in Citroën. Er gibt jedoch nicht vor, dass ein Gap gesprochen wird, das könnte zu Missverständnissen führen und ist eine Art Doppelbelegung des Zeichens. Weiterer Nachteil: Auf dem Mac mit drei Tasten zu erreichen: alt+u und i – Damit fällt es für mich erstmal raus, bis es schnellere Wege gibt auf deutschen Tastaturen.

So viel fürs Erste.

Mit Grüßen von Almut Schnerring.

 

Vortrag- & Workshop-Angebot

von Almut Schnerring + Sascha Verlan zum geschlechtersensiblen Sprechen und Formulieren

Almut Schnerring: Überzeugend und sicher präsentieren. Erschienen 2020 im Reclam Verlag

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