99 Sängerinnen plus 1 Sänger = 100 Sänger

Geschlechtersensibles Sprechen und Schreiben

Worte können sein wie winzige Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.

Victor Klemperer (1947)

Im April 2018 befand der Bundesgerichtshof (#MarliesKrämer), dass die männliche Form „nach dem allgemein üblichen Sprachgebrauch“ auch Personen umfasse, „deren natürliches Geschlecht nicht männlich ist.“ Und die drei Richter und zwei Richterinnen entschieden gleich mit, es läge keine Geringschätzung in der Verwendung des generischen Maskulinums. „Die Frau ist nicht der Rede wert.“ – was Luise F. Pusch 1999 schrieb, gilt also weiterhin. Und das, obwohl neurolinguistische Studien längst nachgewiesen haben, dass „mitgemeint“ gar nicht funktioniert. Ganz zu schweigen von jenen, denen noch im Herbst 2017 vom Bundesverfassungsgericht das „dritte Geschlecht“ zugestanden wurde, auch sie tauchen sprachlich gar nicht erst auf.

Sprache ist nicht neutral und auch nicht objektiv. Sie bildet ab, was und wie wir denken, und sie nimmt Einfluss auf unsere Sicht der Welt. Es ist eine persönliche Entscheidung, ob und wen wir bloß mitdenken wollen, explizit benennen oder gar ausgrenzen. Das macht unser alltägliches Sprechen und Schreiben zu einem gesellschaftspolitischen Statement, ob wir wollen oder nicht. Wobei es die eine, für alle zufriedenstellende Lösung (noch) gar nicht gibt, aber viele Ansätze und Vorschläge für den alltäglichen Umgang.

Der Workshop steigt ein mit einem Vortrag und mit Übungen, die die Präsenz binären Denkens und die Reproduktion limitierender Rollenbilder im Alltag bewusst machen. Nach einer Pause liegt im zweiten Teil der Fokus auf Sprache und Sprechen, auf der rosa-hellblauen Erwartungshaltung, auf verinnerlichten Mustern und inkludierenden Formulierungen, auf Alternativen in Text und Bild.